Fahrerpsychologie — warum fahren wir so, wie wir fahren?
Unser Fahrverhalten ist vorhersehbar und messbar. Lerne die drei Arten von Fahrfehlern laut DBQ kennen und was die Psychologie über riskantes Fahren sagt.
Warum fahren wir riskant?
Jedes Jahr sterben auf Polens Straßen rund 2.000 Menschen. Statistiken zeigen, dass 94 % der Verkehrsunfälle menschliche Ursachen haben — Fehler, Regelverstöße oder Unaufmerksamkeit der Fahrenden. Aber warum brechen wir die Regeln, obwohl wir sie so gut kennen?
Die Antwort liegt in der Psychologie.
Drei Arten von Fahrverhalten (DBQ)
1990 entwickelten James Reason und sein Team (ja, derselbe Reason, von dem das „Schweizer-Käse-Modell“ im Sicherheitsmanagement stammt) den Driver Behaviour Questionnaire (DBQ) — einen Fragebogen, der bis heute der Standard in der verkehrspsychologischen Forschung ist.
Der DBQ unterscheidet drei Kategorien von Verhalten:
1. Fehler (Errors)
Unbeabsichtigte, nicht gewollte Fehler, die entstehen durch:
- Fehleinschätzung der Situation (z. B. falsch geschätzte Geschwindigkeit)
- Grenzen der Wahrnehmung (z. B. ein übersehener Fußgänger)
- Überlastung der Aufmerksamkeit
Beispiele: vor einem herannahenden Fahrzeug einbiegen, auf glatter Fahrbahn zu abrupt bremsen.
Fehler sind ein Zeichen für Probleme mit Fähigkeiten oder Bedingungen, nicht für bösen Willen.
2. Verstöße (Violations)
Bewusstes Brechen von Regeln oder Normen sicheren Fahrens:
- Gewöhnliche Verstöße (ordinary violations): zu schnelles Fahren, Überholen an verbotenen Stellen
- Aggressive Verstöße (aggressive violations): dichtes Auffahren, Erzwingen der Vorfahrt
- Grobe Verstöße: Fahren unter Alkoholeinfluss, Telefonieren während der Fahrt
Verstöße sind Entscheidungen. Sie entstehen aus:
- Übermäßigem Selbstvertrauen („Mir passiert das nicht“)
- Optimismus-Verzerrung („Ich fahre besser als andere“)
- Zeitdruck
- Sozialer Norm („Alle fahren so“)
3. Aussetzer (Lapses)
Lücken in Aufmerksamkeit und Gedächtnis:
- Vergessen, in die Spiegel zu schauen
- „Fahren auf Autopilot“ — keine Erinnerung an die gefahrene Strecke
- Falsche Ausfahrt im Kreisverkehr oder falsche Spur
- Einnicken am Steuer
Aussetzer sind typisch für müde, abgelenkte Menschen oder routinierte Fahrende auf gut bekannten Strecken.
Warum glauben wir, besser zu fahren als andere?
Klassische Studien aus den 1980er-Jahren zeigten, dass sich 80–90 % der Fahrenden für überdurchschnittlich halten — was statistisch unmöglich ist. Dieser Effekt, die sogenannte Illusion der Überlegenheit (engl. better-than-average effect), führt dazu, dass:
- wir das Risiko unseres eigenen Fahrens unterschätzen
- wir unsere eigenen Verstöße nicht als „echte“ Gesetzesverstöße wahrnehmen
- wir glauben, die anderen seien das Problem auf der Straße
Helfen Techniken des defensiven Fahrens?
Studien bestätigen, dass Trainings im defensiven Fahren die Zahl der Unfälle um 20–40 % senken — vorausgesetzt, dass sie:
- nicht nur Fähigkeiten, sondern auch eine Änderung der Einstellungen (attitudes) umfassen
- mit Feedback verbunden sind (z. B. telematisches Monitoring)
- regelmäßig wiederholt werden (kein einmaliges Training)
Profil eines riskanten Fahrers
Der DBQ und Studien mit Zehntausenden von Fahrenden zeigen, dass riskant fahren:
- Männer unter 30 Jahren
- Menschen mit hohem Bedürfnis nach Nervenkitzel (Sensation Seeking)
- Menschen mit Neigung zu Narzissmus und Impulsivität
- Berufsfahrende (unter Zeitdruck)
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